Ein Bericht des Chronisten Brunnenbräu:

Eine Geschichte von Reisenden, Handwerkern, Kaufleuten, Fuhrmännern, Wirtsleuten und Zauberern.

Die Fuhrmänner hatten während der diesjährigen Tour mit den Reisenden viel Mühe – mit Straßenbahn, S-Bahn, Flugzeug, Bus, U-Bahn, Eisenbahn und Auto waren die elf auswärtigen Teilnehmer aus allen Teilen Deutschlands angereist, und sie, also die Fuhrmänner, haben es trotz allerlei Widrigkeiten geschafft, uns am Mittwochabend, dem 23. März 2011, im Kadlez-Bräu zu versammeln. Ausgefallene U-Bahnen, verpasste Flugzeuge oder gar auf das falsche Datum gebuchte Flüge, dicke Staus auf den Zubringerstraßen oder die komplizierten Fahrscheinautomaten des Wiener Verkehrsverbundes – als schließlich die Tourteilnehmer beisammen saßen, von Christian Schneider auf das Herzlichste begrüßt wurden und endlich das erste Bier verkosteten, waren die Strapazen der Reise rasch vergessen. Der wunderbare Weihnachtsbock, der rubinrot in den eleganten Gläsern funkelte, von kremigem, feinporigem Schaum bedeckt, mit einem zarten fruchtigen, an eingelegte Erdbeeren erinnerndem Aroma und einem vollen, leicht malzigen, aber in erster Linie fruchtigen Geschmack tat das Seine dazu, dass aller Stress und alle Anspannung von uns abfielen. Nun galt es nur noch, nach vorne zu schauen und sich auf ein paar herrliche Tage zu freuen!

Und es waren herrliche Tage – nicht nur, weil die Sonne von einem wolkenlosen, makellos blauen Himmel strahlte, sondern auch, weil das Programm dieser Reise von farbenfroher Vielfalt war. Nehmen wir einfach mal die Biermanufaktur Korneuburg – nur wenige Gehminuten vom Bahnhof der Stadt entfernt, residiert sie auf etwa 100 m² Nutzfläche in einem Gewerbegebiet. Keine Restauration, kein richtiger Bierausschank oder Biergarten, aber eine kleine, feine handwerkliche Brauerei, die seit ihrer Gründung vor etwa einem Dreivierteljahr fleißige Missionsarbeit betreibt. Der ausgebildete Biersommelier Bernhard Bugelmüller hat es sich auf die Fahnen geschrieben, in stetiger und geduldiger Arbeit die Biertrinker der Region zu wahren Geschmacksexperten zu erziehen, weg vom österreichischen Einheitsmärzen hin zum aromatischen und geschmacksintensiven Bier. Mit dem Korneuburger Original liegt das Standardbier der Biermanufaktur zwar noch relativ nahe am Märzen, aber die etwas dunklere Farbe, die leichte Trübe und der rundere, vollere Geschmack lassen schon ahnen, in welche Richtung die Geschmacksreise gehen wird: Das Jubiläumsbier zum 875. Jubiläum der Stadt Korneuburg ist schon wesentlich gehaltvoller, und die in eher „kleiner Auflage“ gebrauten Sude eines Strong Ale, einer Black Mamba und eines Red Tiger warten mit spannenden Ingredienzen und Gewürzen, sowie mit etwas höherem Alkoholgehalt auf. Garniert wurde unsere Verkostung mit Bernhard Bugelmüller’s humoriger Schilderung der – noch kurzen – Geschichte der Brauerei und seiner Pläne für die Zukunft. Und da parallel zu unserer Verkostung auch gerade die Abfüllung des aktuellen Suds auf Fässer stattfand, bekamen wir nicht nur eine statische Brauereiführung, sondern auch einen Einblick in das aktive Tagesgeschäft.

Kein Handwerker, sondern ein Zauberer betreibt die andere Brauerei, die wir an diesem Donnerstag besuchten – die Bierzauberei in Brunn am Gebirge. Günther Thömmes, nicht nur als Brauer, sondern auch als erfolgreicher Krimiautor bekannt, betreibt seit einigen Monaten unter niedrigen Gewölben direkt an der Hauptstraße ein recht kleines, aber technisch ausgefeiltes 200-Liter-Sudwerk der Firma Gruber, auf dem immer wieder exotische Kreationen entstehen. Auch hier steht, wie schon in Korneuburg, ein Standardbier im Mittelpunkt des gewerblichen Strebens, nämlich das Brunsch, aber daneben zaubert Günther in der Tat Biere, die einzigartig sind. Ob ein leuchtend gelbes Safranbier oder ein giftgrünes Austria Pale Ale zum St. Patrick’s Day, ob ein leichtes Weizen mit Waldmeisteraroma oder ein extrem stark gehopftes Dunkles namens „Matador“ – die Geschmacksvielfalt war faszinierend, auch wenn natürlicherweise nicht jedem alles schmeckte. Und die gefühlte Krönung unseres Besuches hier beim Bierzauberer war sicherlich der nette Dialog mit einer älteren Kundin, die den Laden betrat: „Gibt’s bei Ihnen Bier um 30.- €?“ – „Da bekommen Sie aber viel Bier!“ – „Ja, ich bitte sehr!“ Solche Kunden muss man haben!

Nicht Zauberer, sondern Kaufleute scheinen im Hintergrund der Meštianský Pivovar in Bratislava eine bedeutende Rolle zu spielen – die erst zwei Jahre alte Gasthausbrauerei unweit des Herzens der Stadt kommt prächtig und eindrucksvoll auf zwei geräumigen Stockwerken daher. Viel Kapital ist hier investiert worden – das merkt man der Einrichtung überall an. Gebraut wird hier zwar nur ein einziges Bier, das aber in sehr ordentlicher Qualität. Ein Helles, von satter Farbe, naturtrüb, und mit ausgewogenem Hopfenaroma. Um den Gästen der Brauerei aber Abwechslung zu bieten, tauscht man sich mit einer anderen slowakischen Gasthausbrauerei, der vielleicht fünfzig Kilometer entfernten Sessler Brauerei, aus und bietet deren Dunkles ebenfalls vom Fass an. Ein schöner, sympathischer Brauch. Das Essen dazu ist typisch für die Region, und die gewaltigen, rustikalen Portionen trafen auf unser Gefallen. – Voller Bauch studiert nicht gern, aber trotzdem bildeten wir uns im Rahmen einer kleinen Brauereibesichtigung noch ein wenig weiter. Ein kleines, nicht gerade sehr schmuckes, aber zweckmäßiges Sudwerk steht im Erdgeschoss und kann durch eine große Panoramascheibe von außen betrachtet werden. Wir standen natürlich drinnen und ließen uns vom Brauer in seine kleinen Geheimnisse einweihen. Und stolz zwickelte er uns während der Besichtigung des Lagerkellers einige Gläser des leckeren Hausbiers direkt aus den Gärtanks. Hm, die Genießer verdrehten verzückt die Augen.

Die Wirtsleute, bei denen wir am Freitagnachmittag einkehrten, betreiben die kleine Brauerei Richtár Jakub – eine noch junge, winzige Brauerei in einer Nebenstraße der Stadt, nur mit einigen hundert Metern Fußm*pfui* zu erreichen, und selbst, wenn man davor steht, noch so unauffällig, dass man aufpassen muss, nicht am Eingang vorbei zu laufen. Ein paar Stufen ins Tiefgeschoss, und man findet sich in einem schlichten, einfach eingerichteten Schankraum wieder, in dem sofort die große Anzahl von Zapfhähnen in der Wand ins Auge sticht. Zwölf verschiedene Biere scheint es hier zu geben – alle vom Fass! Wir machten große Augen. Und in der Tat, es waren tatsächlich immerhin elf Stück, drei davon aus eigener Produktion, die anderen, wie auch schon in der anderen Gasthausbrauerei Bratislavas, von befreundeten kleinen Brauereien im Land. Ein schöner Brauch, sich so gegenseitig mit leckeren Bieren zu unterstützen – wie schön wäre es, dies so auch einmal in Deutschland anzutreffen. – Wir verkosteten uns fleißig durch alle elf Sorten und bekamen zwischendurch in zwei kleinen Grüppchen eine Führung durch die winzige Brauerei im Hinterhof. Obwohl nur ganz winzig, und obwohl ohne weitere Unterstützung betrieben, machen sich die netten Wirtsleute hier sehr viel Mühe mit ihren Bieren – wo sonst wird in so kleinem Maßstab noch aufwändig im Dekoktionsverfahren gebraut?

Dass neben diesen Besuchen bei vier Kleinoden regionaler Braukunst, von denen keines schon länger als zwei Jahre existiert, noch zahlreichere weitere kleinere Biererlebnisse anfielen, nun, dies ist bei einer Tour de Bier selbstverständlich. Ob es sich um Besuche in der Stadtbrauerei Schwarzenberg oder im Salmbräu handelt, wo wir in den vergangenen Jahren schon gewesen waren, um einen Abstecher ins Gasthaus Hansy am Praterstern, wo es unter dem Namen Hansybräu das Rote Zwickl aus Ottakring zu verkosten gibt, einen Kurzbesuch zum „Zweiten Frühstück“ im belgischen Biercafé „De Zwaan“ in Bratislava oder um eine Kostprobe in der Bierwirtschaft Krah Krah im sogenannten Bermudadreieck Wiens – es war, wie schon erwähnt, ein farbenfrohes Programm, und Hans Rolf gebührt unser aller herzlichster Dank für die Vorbereitung und Organisation.

 

28.09.2014 | 6190 Aufrufe

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